ATP architekten ingenieure hat eine eigenständige Consulting-Einheit gegründet und verkauft ab sofort sein internes Digitalisierungs-Know-how an externe Auftraggeber. Die neue Sparte „BIM Solutions" richtet sich an Bauherren, Planungsbüros und Generalunternehmer, die Building Information Modeling einführen oder professionalisieren wollen. Der Schritt markiert eine strategische Weichenstellung: Aus einer internen Kompetenz wird ein marktfähiges Produkt.
Vom internen Werkzeug zur Dienstleistung
ATP hat Grundrisse, Fassaden und Tragwerke bereits seit Jahren mit BIM-Methoden entwickelt. Die Erfahrung aus hunderten Projekten – vom Klinikbau über Industriehallen bis zu Bürokomplexen – fließt nun in standardisierte Beratungsleistungen. Wer früh in digitale Planungsprozesse investiert hat, sitzt heute auf einem Wissensvorsprung, den die meisten kleineren Büros erst aufbauen müssen.
Das Unternehmen positioniert sich damit bewusst nicht mehr nur als Planer, sondern als Enabler für Dritte. „BIM Solutions" bietet Workshops, Prozessberatung, Software-Schulungen und die Implementierung digitaler Planungs-Workflows an. Die Zielgruppen reichen vom mittelständischen Ingenieurbüro, das den BIM-Einstieg im kleinen Architekturbüro sucht, bis zum Generalunternehmer, der seine Subunternehmer auf eine einheitliche Datenplattform bringen will.
Warum jetzt? BIM wird Pflicht, Nachfrage steigt
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. In Deutschland schreibt die Bundesregierung BIM für öffentliche Infrastrukturprojekte ab einem bestimmten Volumen vor. In Österreich ziehen Auftraggeber wie die ÖBB, ASFINAG oder große Länder schrittweise nach. Wer ohne digitales Modell plant, verliert zunehmend Ausschreibungen. Gleichzeitig fehlt vielen Büros das Geld oder die Kapazität, BIM-Kompetenz intern aufzubauen. Genau hier setzt ATP an.
Die Gründung einer Consulting-Einheit ist auch eine Antwort auf veränderte Marktbedingungen. Große integrierte Planungsbüros wie ATP konkurrieren nicht nur mit klassischen Architekten, sondern zunehmend mit Software-Anbietern wie Autodesk oder der Nemetschek Group, die eigene Beratungsdienstleistungen anbieten. Wer die Methode beherrscht, kann sie verkaufen – und damit eine zusätzliche Erlösquelle erschließen, die unabhängig von Projektkonjunktur ist.
Was „BIM Solutions" konkret anbietet
Das Leistungsspektrum umfasst mehrere Ebenen. Für Einsteiger bietet ATP modulare Schulungen: Mitarbeiter lernen, wie sie Software wie Revit, ArchiCAD oder Allplan Nemetschek (allplan.com) in den Alltag integrieren. Auf der Prozessebene unterstützt die Einheit bei der Definition von BIM-Standards, der Erstellung von BIM-Ausführungsplänen (BAP) und der Implementierung von Common Data Environments (CDE).
Für Fortgeschrittene gibt es Beratung zur Automatisierung von Planungsprozessen, etwa durch parametrisches Design oder die Anbindung von Datenbanken für Bauelemente. Auch die Verknüpfung von BIM mit Nachhaltigkeitsbewertungen – zum Beispiel die Berechnung grauer Emissionen direkt aus dem Modell – gehört zum Angebot. ATP hat dafür eigene Tools entwickelt, die jetzt auch Dritten zugänglich gemacht werden. Ein Beispiel ist das ATP-Tool für graue Emissionen, das den Green-BIM Award gewann.
Wettbewerb: Wer bietet noch BIM-Beratung an?
ATP ist nicht allein. Auch andere große Planungsbüros vermarkten ihr digitales Know-how. In der Schweiz bieten etwa Büros wie Implenia oder spezialisierte Consultants BIM-Dienstleistungen an. International sind es häufig IT-Dienstleister oder Software-Hersteller, die in den Beratungsmarkt drängen. Der Vorteil von ATP liegt in der Praxiserfahrung: Das Büro plant selbst, kennt die Fallstricke im Projektalltag und kann konkrete Lösungen für die interdisziplinäre Großprojektplanung anbieten.
Die Konkurrenz kommt auch aus einer anderen Richtung: BIM-Management wird zunehmend als eigene Disziplin verstanden, mit spezialisierten Freelancern und Beratungshäusern. Für ATP bedeutet das: Die Einheit muss sich über Qualität, Referenzen und integrierte Leistungen differenzieren. Wer nur Software-Schulungen anbietet, wird von günstigeren Anbietern verdrängt. Wer jedoch Prozesse, Planung und Technologie zusammendenkt, hat eine Marktposition.
Was der Schritt für die Branche bedeutet
Die Gründung von „BIM Solutions" ist ein Signal: Digitale Kompetenz wird zum Wettbewerbsfaktor – und zum handelbaren Gut. Planungsbüros, die früh in BIM investiert haben, können ihr Wissen jetzt monetarisieren. Wer den Anschluss verpasst hat, muss extern einkaufen oder riskiert, aus bestimmten Marktsegmenten verdrängt zu werden.
Für kleinere Büros entsteht eine Ambivalenz: Einerseits bieten Anbieter wie ATP Unterstützung beim Einstieg. Andererseits verschärft sich der Wettbewerb, weil große integrierte Büros ihre Effizienzvorteile ausspielen können. BIM senkt Planungskosten, beschleunigt Freigabeprozesse und reduziert Fehler auf der Baustelle – wer das nicht beherrscht, verliert Aufträge.
Auch für Bauherren ändert sich die Lage. Sie können digitale Planungsqualität explizit einfordern und bei Bedarf externe Berater hinzuziehen, die unabhängig vom Planer die BIM-Prozesse prüfen. Das erhöht Transparenz und Kontrolle, setzt aber voraus, dass die Auftraggeber selbst BIM-Kompetenz aufbauen.
ATP als BIM-Pionier mit Referenzprojekten
ATP kann auf eine lange digitale Historie verweisen. Das Büro gehört zu den ersten in Europa, die BIM systematisch in allen Planungsphasen eingesetzt haben. Projekte wie das SVS-Hauptquartier oder der Laurin & Klement Kampus für Škoda Auto wurden vollständig digital entwickelt. Auch im Klinikbau, einem besonders komplexen Segment, setzt ATP auf BIM und Recycling im Klinikbau.
Das Büro zählt zu den größten Architekturbüros Europas und hat Standorte in Österreich, Deutschland, der Schweiz und weiteren Ländern. Die Größe erleichtert den Aufbau spezialisierter Einheiten wie „BIM Solutions" – ein Vorteil, den kleinere Büros nicht haben.
Ausblick: Wird Beratung zum Standard-Geschäftsfeld?
Die Frage ist, ob andere große Planungsbüros dem Beispiel folgen. Wer integrierte Planung anbietet – also Architektur, Tragwerk, Haustechnik und Bauphysik aus einer Hand –, hat zwangsläufig digitale Kompetenz aufgebaut. Diese Kompetenz ließe sich auch extern vermarkten. Für die Branche könnte das eine Verschiebung bedeuten: Digitale Dienstleistungen werden zum eigenständigen Erlösfeld, unabhängig von der klassischen Planungsleistung nach HOAI.
Gleichzeitig wächst der Druck auf kleinere Büros, entweder selbst zu investieren oder mit spezialisierten Partnern zu kooperieren. Der BIM-Markt wird sich weiter ausdifferenzieren – in Software-Anbieter, Berater, BIM-Manager und integrierte Planungsbüros, die alle drei Rollen gleichzeitig spielen.
ATP hat mit „BIM Solutions" einen Weg gewählt, der das eigene Geschäftsmodell erweitert und gleichzeitig die Marktposition als digitaler Vorreiter festigt. Ob sich das rechnet, hängt davon ab, wie schnell die Branche BIM flächendeckend einführt – und wie viele Büros bereit sind, für externe Unterstützung zu zahlen.