Der Baustoffhersteller Sika hat Nachhaltigkeitsdatenblätter für sein Sortiment veröffentlicht, die mit Bewertungsbestätigungen der Schweizer Organisation ecobau versehen sind. Die sogenannten Sustainability Fact Sheets stehen auf der Download-Seite des Herstellers zur Verfügung und decken zentrale Produktgruppen ab – von Abdichtungen über Beschichtungen bis zu Klebstoffen und Mörtel.
Die Datenblätter richten sich an Architekten, Fachplaner und öffentliche Bauherren, die für Zertifizierungen nach DGNB, Minergie-Eco oder LEED belastbare Umweltdaten zu verbauten Produkten nachweisen müssen. Mit der ecobau-Bestätigung liefert Sika einen standardisierten Nachweis, der in der Schweiz als Referenz gilt und in Deutschland zunehmend auch bei öffentlichen Ausschreibungen anerkannt wird.
Was ecobau bewertet – und was nicht
Die Schweizer Fachstelle ecobau betreibt seit Jahren eine Datenbank, in der Bauprodukte nach ökologischen Kriterien klassifiziert werden. Die Bewertung umfasst Herstellungsenergie, Schadstoffgehalt, Entsorgbarkeit und Ressourcenverbrauch. Produkte werden in Empfehlungsstufen eingeteilt – von «empfohlen» über «akzeptabel» bis «wenig empfehlenswert».
Entscheidend ist: ecobau ist keine Zertifizierungsstelle im klassischen Sinn, sondern eine Bewertungsplattform. Die Daten stammen vom Hersteller selbst. ecobau prüft Plausibilität und Vollständigkeit, führt aber keine unabhängigen Labor-Audits durch. Diese Eigenschaft macht die Fact Sheets für Planer attraktiv, weil sie schnell verfügbar sind – wirft aber auch die Frage nach der Kontrolltiefe auf.
Warum Hersteller jetzt auf Transparenz setzen
Die Veröffentlichung der Nachhaltigkeitsdatenblätter ist kein Zufall. In Deutschland verpflichtet das Gebäudeenergiegesetz ab 2026 zur Dokumentation der Treibhausgasemissionen über den Lebenszyklus von Neubauten. In der Schweiz fordern die MuKEn-Vorgaben und kantonale Bauordnungen verstärkt ökologische Nachweisführung. Öffentliche Auftraggeber verlangen bei Ausschreibungen zunehmend Umwelt-Produktdeklarationen (EPD) oder vergleichbare Daten.
Für Baustoffhersteller wird die Bereitstellung solcher Daten damit zur Marktzugangsvoraussetzung. Wer keine belastbaren Umweltdaten liefern kann, fällt aus der Wertung – auch wenn das Produkt technisch überzeugt. Sika reagiert mit den Fact Sheets auf diesen Druck und signalisiert: Wir sind ausschreibungsfähig.
Was Architekten und Planer konkret gewinnen
Die Datenblätter bieten Planern drei zentrale Vorteile: Sie liefern standardisierte Angaben, die in Ökobilanz-Software wie eLCA oder Lesosai importiert werden können. Sie sind kostenlos verfügbar – anders als kostenpflichtige EPDs. Und sie decken ein breites Sortiment ab, sodass Planer nicht für jedes Einzelprodukt recherchieren müssen.
Besonders relevant ist das für Projekte mit Nachhaltigkeitszertifizierung. In der DGNB-Zertifizierung fließt der Indikator ENV1.1 zur Ökobilanzierung mit 8 Prozent der Gesamtbewertung ein. Minergie-Eco verlangt explizit den Nachweis emissionsarmer Baustoffe. Wer hier keine Herstellerangaben vorlegen kann, muss auf Durchschnittswerte aus Datenbanken zurückgreifen – und verliert Punkte.
Kritische Punkte: Selbstauskünfte und Vergleichbarkeit
Die ecobau-Bewertungsbestätigungen basieren auf Herstellerangaben. Unabhängige Stichprobenkontrollen oder Laborprüfungen gehören nicht zum Standardverfahren. Das bedeutet: Die Daten sind nur so belastbar wie die Qualität der internen Prozesse beim Hersteller. Bei einem global aufgestellten Konzern wie Sika mit eigenen Umweltmanagementsystemen ist die Datenbasis tendenziell robust. Bei kleineren Anbietern ohne Zertifizierung nach ISO 14001 kann die Datenqualität stark variieren.
Hinzu kommt: ecobau bewertet keine Dauerhaftigkeit oder Langzeitverhalten. Ein Produkt kann in der Herstellung emissionsarm sein, aber nach fünf Jahren sanierungsbedürftig – und damit in der Gesamtbilanz schlechter abschneiden als ein robusteres Konkurrenzprodukt. Diese Lücke ist systembedingt, denn ecobau fokussiert auf die Produktionsphase, nicht auf den Lebenszyklus.
Wie sich der Markt entwickelt
Sika ist nicht der einzige Baustoffhersteller, der auf standardisierte Umweltdaten setzt. Saint-Gobain hat eine eigene EPD-Bibliothek aufgebaut, Knauf bietet detaillierte Ökobilanzdaten für sein Gipsfaser-Sortiment. Holcim arbeitet mit branchenübergreifenden Standards wie dem Environmental Product Declaration (EPD)-Format nach ISO 14025.
Der Trend geht in Richtung Datenplattformen, die Herstellerangaben bündeln und für Planer durchsuchbar machen. In Deutschland etabliert sich die ÖKOBAUDAT des Bundes als Referenz, in der Schweiz ecobau und die Bauteilkataloge von Minergie. Entscheidend wird sein, ob diese Systeme interoperabel werden – oder ob Planer weiterhin parallel in mehreren Datenbanken recherchieren müssen.
Fazit: Transparenz als Wettbewerbsvorteil
Die Sustainability Fact Sheets von Sika sind ein Schritt in die richtige Richtung. Sie senken für Planer den Aufwand, ökologische Nachweise zu führen, und machen Baustoffauswahl vergleichbarer. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, dass die Daten auf Selbstauskünften beruhen. Architekten und öffentliche Bauherren sollten deshalb ergänzend auf zertifizierte Umweltmanagementsysteme des Herstellers achten – oder auf unabhängige EPDs zurückgreifen, wo es um besonders kritische Bauteile wie Fassaden oder Geschossdecken geht.
Die Verfügbarkeit der Datenblätter zeigt zudem: Nachhaltigkeit wird zum harten Ausschreibungskriterium. Wer als Baustoffhersteller keine Daten liefern kann, verliert Marktanteile. Für Sika ist die ecobau-Bestätigung damit nicht nur ein Service für Planer – sondern eine strategische Investition in die Zukunft. Weitere Details und eine Übersicht zur Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens finden sich im Beitrag Sika erhält ecobau-Zertifizierung für Baustoffe.