Der Schweizer Markt für öffentliche Bauten steht 2026 unter dem Einfluss mehrerer paralleler Entwicklungen. Neue Ausschreibungen von Kantonen und Gemeinden setzen verstärkt auf BIM-Pflicht und Nachhaltigkeitszertifizierung. Gleichzeitig verschärfen regulatorische Vorgaben die Anforderungen an Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft.
Regulatorischer Rahmen: MuKEn und SIA-Normen setzen Standards
Die MuKEn 2014 definieren weiterhin die energetischen Mindestanforderungen für Neubauten. Viele Kantone haben die Mustervorschriften inzwischen vollständig umgesetzt. Öffentliche Auftraggeber fordern zunehmend Gebäude, die über die gesetzlichen Mindestwerte hinausgehen. Das Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen unterstützt Sanierungsprojekte bei Schulen, Verwaltungsgebäuden und Kulturbauten finanziell.
Die SIA-Merkblatt 2051 regelt seit 2023 die Abrechnung von BIM-Leistungen. Öffentliche Auftraggeber nutzen die Norm als Grundlage für Honorarverhandlungen. Parallel arbeitet der SIA an der SIA 2032, die Standards für kreislaufgerechtes Bauen definieren soll. Der Entwurf liegt vor, die Verabschiedung wird für Anfang 2027 erwartet.
BIM-Pflicht bei öffentlichen Ausschreibungen nimmt zu
Kantone wie Zürich, Bern und Basel-Stadt verlangen bei größeren Neubauprojekten durchgängig BIM-Modelle ab LOI 300. Architektur- und Planungsbüros müssen entsprechende Software vorhalten. Autodesk und die Nemetschek Group dominieren den Schweizer Markt für BIM-Software. Allplan Nemetschek bietet mit der Version 2026 erweiterte IFC-Schnittstellen für die Koordination mit Fachplanern.
Die BIM-Anforderungen erhöhen den Aufwand in der Planungsphase, verkürzen aber Abstimmungsschleifen und reduzieren Fehler auf der Baustelle. Öffentliche Bauherren erwarten, dass die BIM-Modelle auch für Facility Management und Betrieb nutzbar bleiben. Die Datenübergabe nach Fertigstellung ist in vielen Verträgen verankert.
Nachhaltigkeitszertifikate als Vergabekriterium
Der SNBS-Hochbau etabliert sich als bevorzugter Nachhaltigkeitsstandard für öffentliche Bauten in der Schweiz. Kantone und größere Städte schreiben SNBS-Zertifizierungen bei Neubauten explizit aus. Alternativen wie DGNB oder LEED spielen eine untergeordnete Rolle. Der Standard bewertet neben Energie und Emissionen auch soziale und wirtschaftliche Kriterien.
Baumaterialien müssen zunehmend Herkunftsnachweise und EPDs vorlegen. Holcim, Heidelberg Materials und regionale Anbieter erweitern ihre Produktportfolios um CO₂-reduzierte Betone und Recycling-Baustoffe. Sichtbeton bleibt bei öffentlichen Bauten gefragt, die Rezepturen verschieben sich aber zugunsten klimaoptimierter Mischungen.
Fassade und Gebäudehülle: Modularität und Vorfertigung
Öffentliche Bauherren setzen bei Schulen, Sporthallen und Verwaltungsbauten auf vorgefertigte Fassaden-Elemente. Schüco und Velux bieten Systemlösungen für Pfosten-Riegel-Fassaden und Dachfenster, die auf kurze Bauzeiten ausgelegt sind. Curtain Walls kommen verstärkt bei mehrgeschossigen Verwaltungsgebäuden zum Einsatz.
Die Anforderungen an Tageslichtversorgung und Raumakustik in Schulen und Bibliotheken steigen. Lindner Group liefert akustisch wirksame Decken- und Wandsysteme für öffentliche Innenräume. Die Integration von Lüftung, Beleuchtung und Brandschutz in die Geschossdecke erfordert frühzeitige Abstimmung zwischen Architekten und Fachplanern.
Generalunternehmer und regionale Bauunternehmen
Implenia bleibt der größte Generalunternehmer für öffentliche Bauprojekte in der Schweiz. Das Unternehmen realisiert Schulhausneubauten, Verwaltungskomplexe und Infrastrukturprojekte als Totalunternehmer. Eberhard Bau Schweiz deckt mittelgroße Projekte ab und arbeitet eng mit regionalen Architekten zusammen. Beide Unternehmen investieren in eigene BIM-Kompetenzen und digitale Planungswerkzeuge.
Die Baukosten steigen weiter. Öffentliche Auftraggeber reagieren mit strengeren Kostenvorgaben und mehrstufigen Vergabeverfahren. Wettbewerbe werden zunehmend zweistufig ausgeschrieben, um Kosten früh zu kontrollieren. Planungsbüros müssen realistische Kostenprognosen bereits in der Vorentwurfsphase liefern.
Ausblick: Kreislaufwirtschaft und modulare Konzepte
Die Schweizer Bundesverwaltung hat angekündigt, bei eigenen Bauten ab 2027 die Wiederverwendbarkeit von Bauteilen als Vergabekriterium zu verankern. Konzepte der Kreislaufwirtschaft im Hochbau gewinnen an Bedeutung. Pilotprojekte nutzen modulare Tragwerke aus Holz und Stahl, die sich rückbauen und andernorts wiederverwenden lassen.
Die Digitalisierung der Bauverwaltung schreitet voran. Kantone führen digitale Baubewilligungsverfahren ein, die auf BIM-Modellen basieren. Die vollständige Umstellung wird bis Ende 2027 erwartet. Architekten und Planer müssen ihre Arbeitsprozesse entsprechend anpassen.