Das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron hat ein Konzept für einen vertikalen Campus vorgestellt – ein Gebäudetypus, der traditionelle horizontale Campusanlagen durch ein Hochhauskonzept ersetzt. Der Ansatz könnte zu einem Modell für verdichtetes Bauen in wachsenden urbanen Zentren werden und wirft zentrale Fragen zur Funktionalität, zu Kosten und zur städtebaulichen Integration auf. In Zeiten steigender Flächenknappheit und zunehmender Verdichtung bietet der vertikale Campus eine Alternative zur flächenintensiven Flächenausbreitung.

Vertikalisierung als Antwort auf urbanen Flächendruck

Traditionelle Campus-Anlagen – ob für Unternehmen, Forschung oder Bildung – zeichnen sich durch großzügige, horizontale Freiräume aus. Einzelgebäude gruppieren sich um Plätze, Grünflächen oder Boulevards. Dieses Modell steht in wachsenden Städten jedoch unter Druck: Bauland wird knapper, Bodenpreise steigen, Nachverdichtung wird zur Planungsrealität. Der vertikale Campus von Herzog & de Meuron setzt hier an, indem er die typischen Campus-Funktionen – Arbeitsplätze, Begegnungszonen, Gastronomie, Veranstaltungsräume – in einem einzigen Hochhaus bündelt.

Die Idee ist nicht völlig neu. Bürotürme mit gemischten Nutzungszonen existieren seit Jahrzehnten. Herzog & de Meuron verschieben jedoch den Fokus: Nicht die reine Flächeneffizienz steht im Vordergrund, sondern die bewusste Gestaltung von Begegnungs- und Kommunikationsräumen in der Vertikalen. Ziel ist es, die Qualitäten einer klassischen Campus-Atmosphäre – offene Sichtbeziehungen, informelle Treffpunkte, variable Nutzungen – in die Höhe zu übertragen. Dabei spielt die Fassade eine zentrale Rolle: Sie muss Transparenz ermöglichen, ohne die Raumfunktion zu beeinträchtigen.

Funktionale Herausforderungen: Erschließung, Licht und Begegnung

Ein vertikaler Campus stellt planerisch höhere Anforderungen als ein klassisches Bürogebäude. Erschließungsflächen – Aufzüge, Treppen, Flure – beanspruchen einen größeren Anteil der Nutzfläche. Wo im Flachbau kurze Wege zwischen Gebäuden selbstverständlich sind, müssen im Hochhaus Vertikalerschließungen koordiniert, Wartezeiten minimiert und Brandschutzanforderungen in jedem Geschoss erfüllt werden. Das beeinflusst die Grundriss-Gestaltung erheblich.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Tageslichtversorgung. Während in horizontalen Campus-Anlagen jedes Gebäude Außenflächen nutzen kann, müssen bei Hochbauten tiefe Grundrisse vermieden oder durch Atrien und Lichthöfe kompensiert werden. Herzog & de Meuron setzen auf vertikale Einschnitte, offene Geschosse und transparente Zwischenebenen, um Licht in das Gebäudeinnere zu lenken und visuelle Verbindungen zwischen den Etagen zu schaffen. Solche Lösungen erhöhen jedoch die Komplexität des Tragwerks und beeinflussen die Wirtschaftlichkeit.

Begegnungszonen – ein zentrales Element klassischer Campus-Konzepte – müssen im vertikalen Modell neu gedacht werden. Während im Flachbau Plätze und Höfe als selbstverständliche Treffpunkte funktionieren, erfordert der vertikale Campus bewusst platzierte Gemeinschaftsflächen, etwa als offene Lounges, Terrassenbereiche oder kommunikative Zonen in den Aufzugshallen. Die Herausforderung besteht darin, informelle Begegnungen nicht nur zu ermöglichen, sondern aktiv zu fördern – ohne zusätzliche Flächen zu verschwenden.

Kosten und Wirtschaftlichkeit: Verdichtung als Optimierungsproblem

Die Wirtschaftlichkeit eines vertikalen Campus hängt stark vom Standort ab. In Innenstadtlagen mit hohen Bodenpreisen kann die Verdichtung in die Höhe finanziell sinnvoll sein, auch wenn die Baukosten pro Quadratmeter Nutzfläche steigen. Hochhäuser erfordern aufwendigere Gründungen, robustere Tragwerke, komplexere Haustechnik und zusätzliche Sicherheitssysteme. Zudem fallen höhere Betriebskosten für Aufzüge, Klimatisierung und Wartung an.

Ein entscheidender Faktor ist die Nutzungsflexibilität. Klassische Bürotürme sind oft auf eine spezifische Nutzung optimiert. Ein vertikaler Campus muss hingegen unterschiedliche Funktionen – von Einzelbüros über Coworking-Flächen bis zu Event-Bereichen – in einem Gebäude integrieren. Das erfordert anpassbare Geschossdecken, modulare Trennwände und eine flexible Infrastruktur. Solche Anforderungen verteuern die Planung, erhöhen aber gleichzeitig die Resilienz gegenüber wechselnden Nutzungsanforderungen.

Die Frage der Wirtschaftlichkeit berührt auch die Nutzungsdauer. Während klassische Campusbauten oft in Etappen erweitert oder umgebaut werden können, ist ein vertikaler Campus als monolithischer Eingriff schwerer anpassbar. Das erfordert eine langfristige Planung und eine sorgfältige Abwägung zwischen initialer Investition und zukünftiger Nutzungsoffenheit.

Kreislaufwirtschaft und Rückbaubarkeit: Kann ein Hochhaus zirkulär sein?

Der vertikale Campus von Herzog & de Meuron wird auch vor dem Hintergrund der Kreislaufwirtschaft im Hochbau diskutiert. Hochhäuser gelten traditionell als schwer rückbaubar. Die Kombination aus komplexen Tragstrukturen, integrierten Installationen und dauerhaften Verbindungen erschwert die Demontage und Wiederverwendung von Bauteilen. Zudem sind viele historische Bürotürme heute Sanierungsfälle: energetisch ineffizient, funktional überholt und architektonisch nicht mehr zeitgemäß.

Ein zukunftsfähiger vertikaler Campus muss daher von Beginn an auf Rückbaubarkeit ausgelegt sein. Das bedeutet: trennbare Schichten, lösbare Verbindungen, modulare Elemente und eine klare Materialdeklaration. Curtain Wall-Fassaden, die sich ohne Zerstörung demontieren lassen, sind ein erster Schritt. Ebenso wichtig ist die Wahl von Materialien, die sich sortenrein trennen und wiederverwerten lassen. Sichtbeton beispielsweise ist langlebig, aber schwer recycelbar – alternative Systeme wie Holz-Hybridbauweisen oder Stahl-Skelettbauten bieten hier Vorteile.

Die Frage bleibt: Kann ein Hochhaus jemals so flexibel und kreislauffähig sein wie ein modularer Flachbau? Die Antwort hängt von der Konstruktion ab. Herzog & de Meuron setzen auf klare Trennung von Tragwerk und Ausbau, auf standardisierte Geschosshöhen und auf eine minimale Anzahl von fest verbauten Elementen. Ob sich diese Prinzipien in der Praxis durchsetzen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen – wenn erste vertikale Campus-Projekte in Betrieb gehen und ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen müssen.

Städtebauliche Integration: Solitär oder Teil des urbanen Gefüges?

Ein vertikaler Campus ist ein städtebaulicher Solitär. Anders als ein horizontales Campus-Areal, das sich ins Quartier einfügt und mit der Umgebung verzahnt, steht das Hochhaus als eigenständiges Objekt. Das birgt Chancen und Risiken. Einerseits kann ein gut gestalteter Turm zu einem Orientierungspunkt und einer architektonischen Landmarke werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass das Gebäude isoliert wirkt und keine Beziehung zur Umgebung aufbaut.

Herzog & de Meuron setzen auf einen differenzierten Sockelbereich: Die unteren Geschosse sollen öffentlich zugängliche Funktionen – Cafés, Ausstellungsräume, Veranstaltungsflächen – aufnehmen und so eine Verbindung zum Straßenraum herstellen. Dieser Ansatz ist nicht neu, wird aber in Campus-Konzepten oft vernachlässigt. Ein aktiver Sockel kann die Akzeptanz des Gebäudes erhöhen und es zu einem Teil des urbanen Lebens machen, statt es als abgeschottete Enklave wirken zu lassen.

Ein weiterer Aspekt ist die Freifläche. Während ein horizontaler Campus große Teile des Grundstücks bebaut, bleibt bei einem Hochhaus mehr Raum für Grünflächen, Plätze oder öffentliche Durchwegungen. Das kann die städtebauliche Qualität steigern – vorausgesetzt, die Freiräume werden tatsächlich öffentlich genutzt und nicht als Sicherheitszone oder Parkplatz abgezäunt. Die Gestaltung der Außenanlagen wird damit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.

Typologische Innovation oder urbanes Kompromissmodell?

Der vertikale Campus ist mehr als ein Büroturm mit zusätzlichen Funktionen. Er ist der Versuch, die soziale und funktionale Logik einer horizontalen Campus-Anlage in ein Hochhaus zu übersetzen. Ob das gelingt, hängt von zahlreichen Faktoren ab: von der Qualität der Architektur, von der Funktionalität der Erschließung, von der Integration ins städtebauliche Umfeld und von der Fähigkeit, flexibel auf wechselnde Nutzungsanforderungen zu reagieren.

Für Architekten, Planer und Projektentwickler wirft das Konzept konkrete Fragen auf: Welche Tragwerkskonzepte ermöglichen maximale Flexibilität? Wie lassen sich Gemeinschaftsflächen wirtschaftlich darstellen? Welche Rolle spielen digitale Planungswerkzeuge – etwa BIM – bei der Koordination komplexer vertikaler Nutzungsstrukturen? Und wie kann ein Hochhaus so gestaltet werden, dass es nicht nur heute funktioniert, sondern auch in 50 Jahren noch anpassbar ist?

Herzog & de Meuron liefern mit ihrem Konzept keine fertigen Antworten, sondern ein Modell, das zur Diskussion anregt. Es zeigt, dass Verdichtung nicht zwangsläufig zu monotonen Bürotürmen führen muss, sondern dass Hochhäuser differenzierte, soziale und flexible Arbeitswelten bieten können – wenn sie von Anfang an als integrierte urbane Systeme gedacht werden. Ob sich der vertikale Campus als neuer Standard etabliert, wird davon abhängen, ob die planerischen, wirtschaftlichen und baulichen Herausforderungen in der Praxis bewältigt werden können.

Weitere Impulse zu neuen Arbeitsumgebungen bietet der Artikel Vitra: Büro als Destination statt Pflichtort, der alternative Ansätze zur Gestaltung zukunftsfähiger Arbeitsräume beleuchtet.

Quellen