Das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron soll in Zürich-Altstetten einen 60 Meter hohen Wohn- und Geschäftsturm realisieren. Das Projekt ersetzt die ursprünglich geplante Konzerthalle, die noch vor wenigen Jahren als kultureller Ankerpunkt für das westliche Stadtgebiet diskutiert wurde. Der Wechsel vom Kulturprojekt zum Hochhaus wirft Fragen zur künftigen Quartierentwicklung auf – und zu den Prioritäten der Stadtplanung in einem Gebiet, das seit Jahren als Entwicklungsschwerpunkt gilt.

Vom Konzertsaal zur Hochhausdominante

Auf dem Areal in Altstetten, einem der am schnellsten wachsenden Stadtteile Zürichs, war zunächst eine Konzerthalle für Klassik- und zeitgenössische Musik vorgesehen. Diese hätte die kulturelle Infrastruktur im Westen der Stadt gestärkt und dem Quartier eine eigenständige Identität verliehen. Nun plant Herzog & de Meuron stattdessen einen Turm mit gemischter Nutzung – Wohnungen, Büros und möglicherweise Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss. Mit 60 Metern Höhe wird das Gebäude zu den markantesten Hochpunkten im Quartier gehören und die städtebauliche Silhouette deutlich verändern.

Das Basler Büro, bekannt für Projekte wie die Elbphilharmonie Hamburg und die Tate Modern in London, hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend mit Hochhausplanungen beschäftigt. In Zürich selbst hatten Herzog & de Meuron bereits den Prime Tower in Zürich-West realisiert, der mit 126 Metern lange Zeit das höchste Gebäude der Schweiz war. Der geplante Turm in Altstetten bleibt deutlich darunter, soll aber durch seine Lage und Fassade prägende Wirkung entfalten.

Kulturinfrastruktur weicht Wohn- und Geschäftsnutzung

Die Entscheidung für ein Hochhaus anstelle der Konzerthalle bedeutet, dass Altstetten vorerst ohne eigenes großes Kulturhaus bleibt. Für ein Quartier, das in den nächsten Jahren tausende neue Einwohner erwartet, ist das ein spürbarer Verzicht. Konzerthallen und Theater gelten in der Stadtentwicklung als Identifikationsorte, die soziale Bindung schaffen und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum erhöhen. Ein Wohn- und Geschäftsturm erfüllt diese Funktion kaum – er verdichtet zwar, schafft aber keine gemeinschaftlichen Treffpunkte.

Ob der Kurswechsel auf Initiative der Investoren, der Stadt Zürich oder des Architekturbüros selbst zurückgeht, ist bislang nicht öffentlich kommuniziert worden. Klar ist: Ein Hochhaus mit Wohnungen und Büros verspricht höhere Renditen als ein Kulturgebäude, das auf Subventionen und langfristige Trägermodelle angewiesen ist. In Zeiten steigender Baukosten und knapper öffentlicher Kassen verschiebt sich die Priorität häufig zugunsten wirtschaftlich tragfähiger Nutzungen.

Anwohnerreaktionen und städtebauliche Diskussion

Die Reaktionen im Quartier sind gespalten. Einerseits begrüßen Anwohner zusätzlichen Wohnraum in einem Stadtteil, der stark von Pendlerverkehr und Gewerbe geprägt ist. Altstetten liegt verkehrstechnisch günstig – mit direktem Anschluss an den Hauptbahnhof und die Autobahn – und bietet im Vergleich zu innerstädtischen Lagen noch bezahlbaren Wohnraum. Ein neues Hochhaus mit mehreren Dutzend Wohnungen könnte diese Entwicklung unterstützen.

Andererseits kritisieren Quartierinitiativen, dass mit dem Wegfall der Konzerthalle auch ein Stück urbaner Lebensqualität verloren geht. Kulturelle Nutzungen ziehen Publikum an, beleben das Quartier auch abends und schaffen eine andere Atmosphäre als reine Wohn- und Geschäftsbauten. Zudem fürchten manche Anwohner, dass ein 60-Meter-Turm die bestehende Bebauung dominiert und den städtebaulichen Maßstab im Quartier verschiebt. Altstetten war lange ein klassisches Arbeiter- und Gewerbequartier mit niedriger Bebauung – Hochhäuser sind hier noch die Ausnahme.

Herzog & de Meuron zwischen Kulturbauten und Immobilienentwicklung

Für Herzog & de Meuron ist der Wechsel vom Konzerthaus zum Wohnturm kein Einzelfall. Das Büro hat in den vergangenen Jahren neben Kulturbauten zunehmend auch Wohnhochhäuser, Hotels und Bürotürme realisiert – Projekte, die wirtschaftlich von privaten Investoren getragen werden. In Basel entstand etwa das Roche-Hochhaus, in New York das Wohnhochhaus 56 Leonard Street. Diese Bauten haben gemeinsam, dass sie nicht nur architektonische Akzente setzen, sondern auch als Immobilieninvestments funktionieren müssen.

Die Frage, ob ein renommiertes Architekturbüro primär kulturelle oder kommerzielle Projekte verfolgt, ist für die Stadtentwicklung relevant. Kulturbauten prägen das öffentliche Leben und werden oft über Jahrzehnte zu Identifikationspunkten. Wohn- und Geschäftstürme hingegen bleiben in der Regel private Nutzungen mit begrenzter öffentlicher Wirkung. In Zürich-Altstetten bedeutet der Projektwechsel, dass das Quartier vorerst keine eigene Kulturinfrastruktur erhält – und stattdessen ein weiteres Beispiel für Hochhausverdichtung wird.

Wie geht es weiter?

Das Projekt befindet sich noch in der Planungsphase. Details zur Geschossanzahl, zu den genauen Nutzungen und zum Baustart liegen noch nicht vor. Die Stadt Zürich muss das Vorhaben genehmigen, wobei insbesondere die Höhe und die städtebauliche Einbindung geprüft werden. Auch die Frage, ob im Erdgeschoss öffentlich zugängliche Nutzungen vorgesehen sind, wird eine Rolle spielen. Ein Tragwerk für 60 Meter Höhe erfordert zudem eine sorgfältige Planung der Fundamente – Altstetten liegt teilweise auf weniger tragfähigem Untergrund.

Für die weitere Debatte bleibt entscheidend, wer den Kurswechsel initiiert hat und welche Alternativen geprüft wurden. Eine Konzerthalle ist nicht zwingend ein Entweder-oder mit einem Wohnturm – in anderen Städten werden solche Nutzungen auch in hybriden Gebäuden kombiniert. In Zürich scheint diese Option derzeit nicht verfolgt zu werden. Stattdessen setzt die Stadtentwicklung in Altstetten weiter auf Verdichtung durch Wohn- und Geschäftsbauten, während kulturelle Infrastruktur nachrangig bleibt.

Die Diskussion um den Turm in Altstetten zeigt exemplarisch, wie sich Prioritäten in der Stadtplanung verschieben – und welche Rolle Architektur dabei spielt. Herzog & de Meuron werden mit ihrem Entwurf nicht nur ein neues Gebäude, sondern auch ein städtebauliches Signal setzen. Ob dieses Signal in einem Quartier ohne eigene Kulturhalle als Gewinn oder als verpasste Chance wahrgenommen wird, hängt davon ab, wie das Projekt letztlich gestaltet wird – und welche öffentlichen Nutzungen es künftig beherbergt.

Ähnliche Fragen zur Balance zwischen Verdichtung und Identität stellen sich auch in anderen interdisziplinären Großprojekten, bei denen Investoreninteressen und städtebauliche Zielsetzungen miteinander abgewogen werden müssen.

Quellen