Die Berner Fachhochschule (BFH) bündelt ihre Forschungsaktivitäten im Bereich Architektur, Holz und Bau auf einer zentralen Übersichtsseite. Der Schritt signalisiert den Anspruch, anwendungsnahe Forschung stärker in die Branche zu tragen. Für Planer, Architekten und Bauunternehmen stellt sich die Frage: Welche konkreten Themen bearbeitet das Institut, und welche Praxisrelevanz steckt dahinter?
Struktur der Forschungsbereiche: Von Tragwerksoptimierung bis Kreislaufwirtschaft
Die BFH gliedert ihre Forschung in mehrere Schwerpunktfelder. Im Zentrum stehen Themen, die aktuell die Agenda der Baubranche prägen: Kreislaufwirtschaft im Hochbau, digitale Planungsmethoden, Holzbau-Innovation und energieeffiziente Gebäudehüllen. Anders als bei universitären Forschungseinrichtungen liegt der Fokus auf praxisnahen Pilotprojekten mit Industriepartnern.
Ein zentraler Bereich beschäftigt sich mit der Optimierung von Tragwerken aus Holz. Hier geht es etwa um hybride Konstruktionen, bei denen Holz mit anderen Materialien kombiniert wird, um Spannweiten zu erhöhen oder Brandschutzanforderungen zu erfüllen. Solche Fragestellungen treffen den Nerv der Branche: Holzbau soll in mehrgeschossigen Wohn- und Gewerbebauten zum Standard werden, doch Planer stoßen regelmäßig an normative und konstruktive Grenzen.
Digitale Planung: BIM-Integration und Automatisierung
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf digitalen Planungsprozessen. Die BFH forscht an der Integration von Building Information Modeling (BIM) in den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden – von der Entwurfsphase über die Ausführung bis zum Rückbau. Konkret heißt das: Wie lassen sich Materialdaten so in BIM-Modellen hinterlegen, dass sie später für Lebenszyklusanalysen oder Urban Mining nutzbar sind?
Für Architekturbüros, die gerade den BIM-Einstieg vollziehen, sind solche Forschungsergebnisse unmittelbar relevant. Sie zeigen, welche Datenstrukturen sich in der Praxis bewähren und wo Softwareanbieter wie Autodesk oder die Nemetschek Group nachbessern müssen. Die BFH arbeitet dabei mit Industriepartnern zusammen, um Prototypen in realen Projekten zu testen.
Gebäudehülle und Energie: Vom Labor auf die Baustelle
Ein weiterer Forschungsbereich widmet sich der Gebäudehülle. Hier untersucht die BFH neue Dämmmaterialien, vorgefertigte Fassaden-Module und adaptive Systeme, die auf Wetter- und Nutzungsbedingungen reagieren. Solche Lösungen sind vor allem für die energieeffiziente Sanierung von Bestandsgebäuden interessant, wo Zeit- und Kostendruck hoch sind.
Die Forschung konzentriert sich auf Systeme, die sich industriell vorfertigen lassen und die Bauzeit vor Ort minimieren. Das Prinzip der seriellen Sanierung – bewährt etwa in den Niederlanden – findet hier Eingang in die Schweizer Praxis. Die BFH testet Module, die Dämmung, Fenster und Haustechnik integrieren und in einem Arbeitsgang an bestehende Fassaden montiert werden können.
Holzbau-Innovation: Material, Konstruktion, Brandschutz
Der Holzbau bildet einen eigenständigen Schwerpunkt. Die BFH forscht an neuen Holzwerkstoffen, Verbindungstechniken und Brandschutzlösungen. Ein konkretes Thema: Wie lassen sich Massivholzplatten so behandeln, dass sie ohne zusätzliche Bekleidung die Brandschutzklasse REI 90 erreichen? Solche Fragen entscheiden darüber, ob Holz in Hochhäusern oder öffentlichen Bauten zum Einsatz kommt.
Zudem untersucht das Institut, wie sich regionale Holzsortimente besser nutzen lassen. Schweizer Fichte etwa gilt als weniger hochwertig als nordeuropäisches Holz, lässt sich aber durch gezielte Verarbeitung aufwerten. Für Bauherren und Generalunternehmer wie Implenia oder Eberhard Bau Schweiz könnten solche Erkenntnisse Lieferketten verkürzen und Kosten senken.
Kreislaufwirtschaft: Rückbau und Materialkataster
Ein Thema, das in der Branche an Fahrt gewinnt, ist die Kreislaufwirtschaft. Die BFH entwickelt Methoden, um Gebäude so zu planen, dass sie sich später sortenrein rückbauen lassen. Dazu gehören digitale Materialkataster, die jedes verbaute Bauteil dokumentieren – von der Schraube bis zur Geschossdecke.
Für Architekten bedeutet das: Konstruktionen müssen reversibel werden. Geklebte Verbindungen ersetzen durch Schraubverbindungen, Sichtbeton durch trockene Bauweisen. Die BFH testet solche Ansätze in Pilotprojekten und erarbeitet Planungsleitfäden, die sich in der Praxis umsetzen lassen. Hersteller von Bauelementen wie Knauf oder Saint-Gobain sind in solche Projekte eingebunden, um rückbaubare Systeme zu entwickeln.
Interdisziplinäre Projekte: Von der Forschung in die Ausbildung
Die BFH verknüpft Forschung eng mit der Lehre. Studierende arbeiten in Projektseminaren an realen Aufgabenstellungen aus der Industrie. Das Modell hat zwei Vorteile: Die Forschung wird durch studentische Mitarbeit günstiger, und die Absolventen bringen praxisrelevante Kompetenzen mit. Für Arbeitgeber in der Region bedeutet das: Die Ausbildung orientiert sich stärker an den Anforderungen der Branche.
Zudem kooperiert die BFH mit internationalen Partnern. Die Auslandskontakte bringen Impulse aus anderen Baumärkten in die Schweiz – etwa skandinavische Holzbau-Erfahrungen oder deutsche Standards zur Gebäudeenergieeffizienz.
Drittmittel und Praxispartnerschaften: Wer finanziert die Forschung?
Fachhochschul-Forschung lebt von Drittmitteln. Die BFH finanziert ihre Projekte über öffentliche Förderprogramme, Industrieaufträge und EU-Forschungsprogramme. Konkrete Zahlen zu Budgets und Projektvolumina nennt die Übersichtsseite nicht. Klar ist: Ohne Praxispartner aus der Industrie – von Baustoffherstellern über Planungsbüros bis zu Bauunternehmen – lässt sich anwendungsnahe Forschung nicht realisieren.
Für Unternehmen bietet die Kooperation mit der BFH Zugang zu öffentlichen Fördermitteln und Know-how, das intern oft fehlt. Gleichzeitig steuern sie Praxiswissen bei und können Forschungsergebnisse exklusiv nutzen. Solche Partnerschaften sind für die Branche ein Instrument, um Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen.
Einordnung: Was die Schwerpunkte über die Branche verraten
Die Forschungsthemen der BFH spiegeln die aktuellen Herausforderungen der Baubranche wider: Fachkräftemangel treibt die Automatisierung voran, Klimaziele erzwingen kreislauffähige Konstruktionen, und steigende Holzpreise verlangen nach regionalen Alternativen. Die Fachhochschule positioniert sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis – ein Ansatz, der gerade im kleinstrukturierten Schweizer Bau- und Holzsektor Relevanz hat.
Ob die Forschungsergebnisse tatsächlich in die Breite wirken, hängt von der Transferleistung ab: Wie schnell finden Erkenntnisse Eingang in Normen, Softwaretools oder Produktkataloge? Hier zeigt sich, ob anwendungsnahe Forschung mehr ist als ein Label.