Der Bremer Wohnbauanbieter Gebr. Rausch WOHNBAU hat im April 2022 einen Beitrag veröffentlicht, der die gesundheitlichen Vorteile des Treppensteigens gegenüber der Aufzugnutzung herausstellt. Die Kernbotschaft: Wer täglich die Treppe nimmt, trainiert Herz-Kreislauf-System und verbrennt Kalorien – der Aufzug bleibt stehen. Auf den ersten Blick ein simpler Gesundheitstipp. Auf den zweiten eine Marketing-Positionierung, die Fragen aufwirft: Nutzt ein Wohnbauunternehmen Fitness-Argumente, um von Aufzugspflicht und Barrierefreiheit abzulenken? Oder spiegelt der Vorstoß eine echte Planungsphilosophie wider, die Grundriss und Erschließung neu denkt?
Gesundheitsmarketing als Imagepflege
Gebr. Rausch WOHNBAU bewegt sich mit dem Treppensteigen-Thema auf einem schmalen Grat. Einerseits liefert das Unternehmen keine neuen Erkenntnisse – medizinische Studien belegen seit Jahrzehnten den Nutzen moderater Alltagsbewegung. Andererseits positioniert sich der Anbieter damit in einem Segment, das im Wohnungsbau aktuell an Bedeutung gewinnt: Gesundheit und Wohlbefinden als Verkaufsargument. Andere Projektentwickler werben mit Tageslicht-Konzepten, Raumakustik oder Co-Working-Flächen. Rausch setzt auf die Treppe als Fitness-Tool.
Die Rechnung ist einfach: Ein Mehrfamilienhaus ohne Aufzug spart Investitionskosten, laufende Wartung und Energiekosten für den Betrieb. Laut Branchenangaben liegen die Anschaffungskosten für einen Standard-Personenaufzug je nach Stockwerkszahl zwischen 30.000 und 60.000 Euro, die jährlichen Wartungskosten bei 1.500 bis 3.000 Euro. Wer auf den Aufzug verzichtet, kann diese Summe in Bauqualität, Dämmung oder Außenanlagen investieren – oder die Verkaufspreise senken. Der Gesundheitshinweis liefert die passende Erzählung dazu: Der Verzicht wird zur Tugend, der fehlende Aufzug zum Aktivitäts-Anreiz.
Rechtlicher Rahmen: Wann ist der Aufzug Pflicht?
In Deutschland regeln Landesbauordnungen, ab welcher Geschosszahl ein Aufzug zwingend erforderlich ist. Die meisten Bundesländer schreiben ab dem fünften Vollgeschoss – oder ab einer Fußbodenhöhe von mehr als 13 Metern – einen barrierefreien Zugang vor. Darunter bleibt der Aufzug optional. Gebr. Rausch WOHNBAU baut überwiegend drei- bis viergeschossige Wohnanlagen in Bremen und Umgebung, also genau in diesem Graubereich: rechtlich aufzugsfrei, faktisch aber für ältere Mieter oder Familien mit Kinderwagen eine tägliche Herausforderung.
Hinzu kommt die Diskussion um Barrierefreiheit. Die DIN 18040-2 definiert Standards für barrierefreie Wohnungen, verlangt aber nicht zwingend einen Aufzug in Bestandsbauten oder Neubauten unter fünf Geschossen. Trotzdem steigt der Bedarf: Die Bevölkerung altert, die Zahl der Menschen mit eingeschränkter Mobilität nimmt zu. Ein Wohnbauunternehmen, das Treppensteigen als Lifestyle-Feature kommuniziert, muss sich fragen lassen, ob es die demografische Realität ausblendet – oder gezielt eine jüngere, mobile Zielgruppe adressiert.
Zielgruppe: Jung, mobil, kostenbewusst
Vermutlich zielt Gebr. Rausch WOHNBAU auf Erstbezieher, Singles oder junge Familien, die Wert auf bezahlbaren Wohnraum legen und Aufzug-Verzicht als akzeptablen Trade-off sehen. In Bremen liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis für Neubauwohnungen 2022 bei etwa 4.500 bis 5.500 Euro – unter dem Bundesdurchschnitt, aber für viele Haushalte dennoch eine Hürde. Wer auf Luxus-Features wie Aufzug oder Tiefgarage verzichtet, kann günstiger anbieten. Der Gesundheits-Spin macht aus der Not eine Tugend: Die Treppe wird vom Mangel zum Mehrwert.
Kritisch wird es, wenn ältere Mieter oder Menschen mit Einschränkungen später einziehen wollen oder Bestandsmieter altern. Dann kann die aufzugfreie Wohnung zur Mobilitätsfalle werden. Ohne nachträglichen Einbau – technisch oft aufwändig und teuer – bleibt nur der Umzug. Hier zeigt sich der Interessenkonflikt: Was für den Bauträger Kostenersparnis bedeutet, kann für Mieter langfristig zum Problem werden.
Nachhaltigkeit: Aufzug als Energiefresser?
Ein weiteres Argument, das Gebr. Rausch WOHNBAU implizit mitliefert: Der Verzicht auf Aufzüge senkt den Energieverbrauch. Ein Personenaufzug in einem viergeschossigen Wohnhaus verbraucht je nach Auslastung zwischen 2.000 und 4.000 kWh pro Jahr. Bei steigenden Strompreisen summiert sich das auf 600 bis 1.200 Euro jährlich – Kosten, die in der Nebenkostenabrechnung landen. Aus Nachhaltigkeitssicht ist das Argument nicht von der Hand zu weisen: Weniger Technik bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, sowohl bei der Herstellung als auch im Betrieb.
Allerdings greift diese Rechnung zu kurz. Nachhaltiges Bauen umfasst mehr als Energieeinsparung – es berücksichtigt Nutzungsflexibilität, Langlebigkeit und soziale Nachhaltigkeit. Ein Gebäude, das nur für eine bestimmte Alters- oder Mobilitätsgruppe nutzbar ist, verliert mittelfristig an Wert. Der Einbau eines Aufzugs im Nachhinein ist aufwändig, teuer und erfordert oft bauliche Eingriffe, die bei Neubauten vermieden werden könnten. Aus Sicht der Nachhaltigkeit wäre ein von Anfang an barrierefreies Konzept – inklusive Aufzug – die zukunftsfähigere Lösung.
Branchentrend: Gesundheit als Verkaufsargument
Gebr. Rausch WOHNBAU steht mit dem Gesundheits-Fokus nicht allein. Zahlreiche Projektentwickler integrieren Wellness- und Fitness-Elemente in ihre Konzepte: Gemeinschaftsdachterrassen mit Urban-Gardening-Flächen, hauseigene Fitness-Räume, Fahrradkeller mit Werkstatt. Die Treppe als Trainingsgerät ist die Low-Budget-Variante dieser Strategie – sie kostet nichts, ist immer verfügbar und lässt sich leicht kommunizieren.
Gleichzeitig zeigt der Vorstoß, wie Wohnbauunternehmen versuchen, regulatorische Grauzonen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Solange die Aufzugspflicht erst ab fünf Geschossen greift, bleibt ein lukratives Segment für kostengünstige, aufzugfreie Bauten. Der Gesundheits-Spin legitimiert diese Entscheidung nach außen und lenkt ab von der Frage, ob das Gebäude wirklich für alle Nutzergruppen taugt.
Architektonische Alternativen: Treppe als Gestaltungselement
Interessanterweise bieten gut gestaltete Treppenhäuser echte architektonische Mehrwerte. Offene, lichtdurchflutete Lichthöfe mit zentraler Treppe können zum sozialen Treffpunkt werden, fördern Nachbarschaftskontakte und werten das Gebäude auf. Internationale Beispiele zeigen, wie Treppen als räumliches und gestalterisches Element funktionieren – etwa in skandinavischen Holzbau-Projekten oder in urbanen Co-Housing-Konzepten. Gebr. Rausch WOHNBAU kommuniziert jedoch eher den funktionalen Gesundheitsnutzen als die architektonische Qualität. Das deutet darauf hin, dass Kostenersparnis, nicht Design, das eigentliche Motiv ist.
Fazit: Zwischen Pragmatismus und Zielgruppenverengung
Der Vorstoß von Gebr. Rausch WOHNBAU zeigt exemplarisch, wie Wohnbauunternehmen Gesundheitsthemen zur Imagepflege einsetzen. Die Botschaft ist eingängig, kostet nichts und liefert eine positive Erzählung für eine wirtschaftlich motivierte Entscheidung. Gleichzeitig offenbart sie eine Zielgruppenverengung: Wer auf Aufzüge verzichtet, baut primär für junge, mobile Haushalte – und nimmt in Kauf, dass ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen ausgeschlossen bleiben.
Aus planerischer Sicht bleibt die Frage, ob das Treppensteigen-Argument eine belastbare Strategie ist oder nur ein Marketing-Kniff. Langfristig dürfte die Nachfrage nach barrierefreien, aufzugerschlossenen Wohnungen steigen – getrieben von demografischem Wandel, steigenden Komfortansprüchen und verschärften Förderbedingungen. Wer heute bewusst darauf verzichtet, muss später nachrüsten oder wird vom Markt abgestraft.
Für Planer und Investoren bleibt die Erkenntnis: Gesundheitsmarketing kann ein sinnvolles Kommunikationswerkzeug sein, solange es nicht dazu dient, strukturelle Defizite zu kaschieren. Wer Treppenhäuser als Begegnungsraum und Aktivitäts-Zone inszeniert, sollte gleichzeitig einen Aufzug einplanen – für den Tag, an dem die Bewohner älter werden, Kinder bekommen oder selbst auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Gebr. Rausch WOHNBAU liefert mit seinem Treppensteigen-Tipp einen Diskussionsanstoß – ob daraus eine zukunftsfähige Planungspraxis wird, bleibt offen.
Weitere Einblicke in die Unternehmensstrategie von Gebr. Rausch WOHNBAU bietet der Artikel Gebr. Rausch öffnet Projekte am Tag der Architektur in Bremen. Für Diskussionen rund um nachhaltige Baukonzepte lohnt ein Blick auf Kreislaufwirtschaft im Hochbau.