Der SNBS-Hochbau etabliert sich als spezifisch schweizerische Alternative zu DGNB und LEED. Das vom Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz verwaltete Label setzt auf regionale Schwerpunkte: Neben klassischen Nachhaltigkeitsdimensionen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt berücksichtigt das System Aspekte wie Städtebau, Architektur, Mikroklima und Mobilität – Faktoren, die in internationalen Systemen oft nachrangig behandelt werden.

Vier Anwendungsbereiche vom Neubau bis zum Betrieb

Das SNBS-System gliedert sich in vier spezialisierte Module: SNBS-Hochbau für Neubauprojekte, SNBS-Areal für zusammenhängende Entwicklungsflächen, SNBS-Infrastruktur für Verkehrs- und Versorgungsbauten sowie SNBS-Bestand und Betrieb für die laufende Bewertung. Diese Differenzierung ermöglicht eine genauere Anpassung an den jeweiligen Projekttyp als die eher generischen internationalen Systeme.

Die aktuelle Version SNBS-Hochbau 2023.1 arbeitet mit erfolgskritischen Indikatoren, die bereits in der Startphase mögliche Stolpersteine identifizieren. Das Tool funktioniert als Planungshilfe und nicht nur als nachträgliches Zertifizierungsinstrument – ein Ansatz, der dem BIM-Gedanken der integrierten Planung näher steht als klassische Label-Systeme.

Regionale Kriterien als Differenzierungsmerkmal

Während DGNB und LEED primär auf energetische und ökologische Messgrößen abstellen, integriert der SNBS städtebauliche und klimatische Faktoren stärker. Das Mikroklima-Kriterium bewertet etwa die Auswirkungen von Fassadenmaterialien und Freiflächengestaltung auf das lokale Temperaturregime – relevant in dicht bebauten Innenstadtlagen und Hanglagen.

Der Mobilitätsaspekt bewertet nicht nur die Anbindung an den öffentlichen Verkehr, sondern auch die Qualität von Veloabstellplätzen und die Einbindung in Fußgängernetze. Für Innenverdichtungsprojekte in Schweizer Städten ist das ein praxisrelevanter Faktor, den internationale Labels nur am Rande erfassen.

Einstiegshürde und Schulungsangebot

Das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz bietet Basiskurse an, die Grundkenntnisse vermitteln und aufzeigen, wo SNBS spezifische Vorreiterkriterien definiert. Die Kurse richten sich an Architekten, Fachplaner und Bauherren, die das System erstmals einsetzen. Die Schulung ist notwendig, weil das Label zwar weniger komplex als DGNB strukturiert ist, aber die regionalen Kriterien ohne Vorkenntnisse schwer zu bewerten sind.

Für Planungsbüros, die parallel in Deutschland und der Schweiz tätig sind, bedeutet das einen zusätzlichen Einarbeitungsaufwand. Wer bereits mit Kreislaufwirtschaft im Hochbau arbeitet, findet im SNBS allerdings verwandte Bewertungslogiken – etwa bei der Rückbaubarkeit von Tragwerken und der Materialwahl.

Marktposition und Akzeptanz

Der SNBS konkurriert in der Schweiz nicht nur mit DGNB und LEED, sondern auch mit SIA 2032, dem neuen Standard für kreislaufgerechtes Bauen. Während SIA 2032 primär konstruktive und materialspezifische Aspekte regelt, deckt SNBS das gesamte Nachhaltigkeitsspektrum ab – die beiden Standards ergänzen sich daher eher, als dass sie sich ausschließen.

Für öffentliche Bauherren in Kantonen, die eigene Nachhaltigkeitsvorgaben erlassen haben, kann SNBS als Nachweisinstrument dienen. Private Investoren hingegen bevorzugen oft DGNB oder LEED, weil diese international bekannter sind und bei der Vermarktung an institutionelle Anleger Vorteile bieten.

Relevanz für grenzüberschreitende Projekte

Planungsbüros wie Implenia oder Eberhard Bau Schweiz, die in der Schweiz und im angrenzenden Ausland tätig sind, müssen die Labelstrategie projektbezogen wählen. Für rein schweizerische Projekte mit öffentlichen Auftraggebern kann SNBS die wirtschaftlichere Lösung sein, weil Schulungsaufwand und Zertifizierungskosten geringer ausfallen als bei DGNB.

Für internationale Portfolios oder Projekte mit ausländischen Investoren bleibt DGNB oder LEED die sicherere Wahl – trotz höherer Kosten. Die Entscheidung hängt letztlich von der Auftraggeberstruktur und der Vermarktungsstrategie ab, nicht von der technischen Überlegenheit eines Systems.

Fazit: Regionale Stärke, internationale Nische

Der SNBS-Hochbau bietet für Schweizer Projekte eine praxisnahe Alternative zu internationalen Labels. Die Integration von Städtebau, Mikroklima und Mobilität macht das System für dicht bebaute urbane Lagen relevant. Die begrenzte internationale Bekanntheit schränkt die Einsatzmöglichkeiten jedoch auf den Heimmarkt ein. Für Planungsbüros, die ausschließlich in der Schweiz tätig sind, ist SNBS 2023.1 eine wirtschaftliche und fachlich fundierte Wahl – vorausgesetzt, der Auftraggeber akzeptiert das Label.

Quellen